Welche Bücher lesen

– Welche Bücher lesen Sie?, fragte der Mann an der Bar.

– Welche Bücher lesen Sie denn?, fragte der andere mürrisch zurück und trank von seinem Bier.

– Es ist unhöflich, Herr Meier, dass Sie eine so einfache Frage wie beispielsweise „Welche Bücher lesen Sie?“ mit einer Gegenfrage beantworten müssen.

– Und es ist unhöflich, dass Sie mich vollquatschen müssen, wenn ich gerade ein Bier trinke, Herr Kotz.

– Seh ich so aus, als würde ich Kalle Kotz heißen?

– Ich hab nichts von Kalle gesagt. Aber da Sie mich ja nun fragen. Sie sehen eher aus, als würden Sie Heinz heißen und als würden sie Ketchup herstellen.

– Äh … (blickt an sich hinunter) Achso das? Das war meine Kollegin. Die hat mich so vollgespritzt. Pommes gab’s heut und ich hab sie gefragt, was sie am Abend noch so macht. Da hat Sie mich vor Schreck mit der Ketchuptube vollgemacht. Ich weiß gar nicht, warum ich immer so ein Pech mit den Frauen habe. Die letzte hat mir den Rotwein über die Hose gegossen und die davor hat sich selbst mit der Gabel in den Arm gestochen. Sah fast ein wenig so aus, als wäre es Absicht gewesen.

– (Sieht den anderen betroffen an, mustert ihn) Naja. Scheint wirklich Pech zu sein. (Denkt sich aber etwas ganz anderes. Nachvollziehbar!, denkt er, wenn man es nett sagen möchte) Und welche Bücher lesen Sie so? Sie haben dann ja offenbar eine Menge Zeit fürs Lesen.

– Sie müssen jetzt nicht aus Höflichkeit eine Konversation anfangen. Ich weiß, dass ich ziemlich hässlich bin. Das liegt an meinem Vater. Sie müssen wissen, dass ich sehr stark nach meinem Vater komme. Die krumme Nase, die abstehenden Ohren, das Lächeln, mit dem man Menschen erschrecken kann, das alles habe ich von ihm.

– O la la. (Ein wenig hämisch) Das ist wirklich ganz dramatisch traurig. Aber welche Bücher lesen Sie nun eigentlich? Jetzt interessiert es mich wirklich. Welche Bücher lesen solche Typen wie sie, die Samstags nicht in die Disko gehen, weil das ja gar nichts bringen würde?

– Nunja. Ich lese eigentlich nicht. Wenn ich aber lese, dann lese ich gern einmal ein Buch mit Tiefgang. Aber es muss gut geschrieben sein, damit ich mich nicht langweile. Ein wenig humorvoll muss es sein und es sollte mich trotzdem weiterbringen. Der blutige Weg nach Absurdistan würde aus meiner Sicht in diese Kategorie fallen. Aber eigentlich schreibe ich eher. Ich schreibe über die Menschen. Ich erzähle Geschichten von ihnen und über sie. Dafür sauge ich an Abenden wie diesen alles auf, was sie so von sich geben. Und glauben Sie mir, da kommt oft ganz schön was zusammen.

– (Verunsichert) Also ist das gerade eine Art Interview (und als der andere nickt, nachdenklich) für Ihr nächstes Buch, (dann verächtlich) Herr Kotz?

– Das wäre möglich. Ich schreibe nämlich ganz gern über oberflächliche Idioten, die mehr zu bieten haben, als es auf den ersten Anschein wirkt. Allerdings bin ich mir bei zweiterem bei ihnen noch nicht ganz sicher…

– Fuck! (springt auf, rennt weg, lässt einfach sein Bier stehen und weiß noch nicht, dass er gleich den blutigen Weg nach Absurdistan beschreiten wird…)

Kalle Kotz steht auf, nimmt sein Bier und setzt sich auf den Stuhl desjenigen, der gerade gegangen ist. Dann trinkt er sein Bier genüsslich aus.

(Der Barkeeper tritt an ihn heran und meint:) Krass. Dafür, dass Sie kein Geld dabei haben, haben Sie heute schon verdammt viel Bier getrunken…

 

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