Ein Buch für Erwachsene

Als Kalle Kotz fünf Jahre alt war, fand er bei seinem Vater ein Buch mit vielen Bildern. In großen Lettern stand darauf DAS IST EIN BUCH FÜR ERWACHSENE. Kalle hatte sich gedacht: Was für die Erwachsenen gut ist, ist für mich allemal gut genug. Er nahm das Buch mit in sein Zimmer und begann darin zu blättern. Kalle war sofort klar, dass das ein Buch für Erwachsene sein musste. Die Menschen in dem Buch, hatten wenig an und auf den meisten Bildern schien die Sonne. Kalle wusste, dass das Buch deshalb ein Buch für Erwachsene sein musste, weil diese Leute offensichtlich Urlaub hatten und sich in der Sonne vergnügten. Urlaub, dachte Kalle, in einem Anflug kindlicher Naivität: Das ist toll, erwachsen zu sein: da kann man einfach Urlaub machen.

10 Jahre später war Kalle wieder einmal über „ein Buch für Erwachsene“ gestolpert. Einen Moment lang musste er lachen, als er es betrachtete. Ein Buch für Erwachsene? Fürwahr. Aber um Urlaub ging es dabei nicht, das wusste Kalle inzwischen. Diese Menschen hatten deswegen so schlecht angezogen, weil sie sich keine Kleidung leisten konnten. Kalle wurde traurig. Er verstand jetzt, warum es ein Buch für Erwachsene war. Ihm wurde sofort klar, dass so viel Tristesse für den jungen Knaben, der er damals war, zu viel gewesen wäre. Nein. Die Erkenntnis hätte ihn damals, war sich Kalle sicher, gewiss aus der Bahn werfen können.

Ein Buch für Erwachsene? Ein Jammer, dass es so was geben muss. Traurig, dieses ganze Elend auf der Welt. Gerne hätte er den armen Mädchen Pullover geschickt. Als er aber das Buch für Erwachsene durchblätterte, fand er dort keine Anschrift. Und alle hatten offenbar Phantasienamen. Kalle war schnell klar, dass niemand, dem es so schlecht ging, es in einem solchen Buch zeigen würde und dazu noch seinen Namen nannte. Das Zauberwort, flüsterte sich Kalle zu, heißt Scham.

Als Kalle 25 Jahre alt wurde, bekam er von seinem Vater ein Buch für Erwachsene. Kalle war angewidert von seinem Vater, der ihm die armen Mädchen zum Geburtstag präsentierte, als müsse er noch belehrt werden, wie es um die Welt bestellt sei. Er sagte dem Vater, dass dieser sich so was sparen könne. Er wisse längst, dass die armen Mädchen nichts zu essen und nichts zum anziehen bekämen. Als der Vater ihn umarmte, mit Tränen in den Augen, bemerkte er die Last, die seinem Vater von den Schultern gefallen sein musste. Er, Kalle, hatte die Message des Vaters verstanden. Was für ein Glück!!

#drkallekotz #derblutigewegnachabsurdistan