E-Book mit Gesellschaftskritik

Wenn schon ein E-Book, dann ein E-Book mit Gesellschaftskritik, hatte mein Vater gesagt, der diese Dinger maßlos verachtete. Der alte Kauz hatte sich nicht einmal ein Handy gekauft. Umso unverständlicher also, dass meine Schwester Karla ihm das neue Kindle geschenkt hatte. Er sträubte sich zunächst, das Ding auch nur in die Hand zu nehmen. Als er aber sah, wie unsere Mutter sich daran erfreute, wuchs in ihm die Missgunst. „Her das Ding!“ zischte er und die Mutter gab es ihm bereitwillig zurück. Sie hätte sich bereits ein E-Book mit Gesellschaftskritik draufgedownloadet, sagte sie. Der Vater sah sie kritisch an. Was seine Frau unter einem E-Book mit Gesellschaftskritik verstand, wollte ihm, seinem Blick nach zu urteilen, nicht recht in die Birne. „Schneckenfett mit Weizenmehl?“, fragte er. „Wie um alles in der Welt soll das denn ein E-Book mit Gesellschaftskritik sein?“ Das bei den Schnecken sei ja gar kein Fett, gab er zum Besten, wie viele immer meinten. Das sei Schleim. Ein E-Book mit Gesellschaftskritik sollte von der Gesellschaft und dem Ungeziefer, das in ihm lebt, dann doch wenigstens ein bisschen was verstehen. Die Mutter sagte erst nichts. Sie wollte uns den Weihnachtsabend nicht verderben. Doch der Vater legte nach. Was Schneckenfett mit Weizenmehl zu tun habe. Ein absoluter Vollthorsten müsse sein, wer so ein Buch verkaufe. Wer so ein Buch verkaufe, habe ja praktisch schon den blutigen Weg nach Absurdistan beschritten. Das sei auch so ein E-Book. Er sagte noch viele Sachen mehr, teilweise schrie er. „E-Book mit Gesellschaftskritik an der Wand!“, schrie er zuletzt und warf den Kindle, allerdings nicht an die Wand, sondern ungewollt in Richtung der nur einen Meter entfernten Couch. Dort prallte der Kindle – etwas unglücklich – ab, sprang zurück und traf den Vater am Kopf. Geschockt stolperte mein Vater rückwärts, fiel und knallte mit dem Kopf gegen den Fernsehtisch – direkt an die spitze Ecke. Es schlug ein, durchschlug des rauen Vaters Schädel. Zwei Jahre ist das jetzt her. Keine Angst. Der Vater hat es überlebt. Doch seither ist er ein anderer Mensch. Ein E-Book mit Gesellschaftskritik hat er bis heute noch nicht gelesen. Denn mein Vater erblindete bei dem Sturz. Und scheinbar haben sie ihm auch ein wenig von seinem Jähzorn abgezapft, als sie sein Hirn wieder reingeschoben haben. Und so sehr ich mich auch einst über meine Schwester gewundert hatte: Sie hatte das perfekte Weihnachtsgeschenk … uns allen gemacht.

#drkallekotz #derblutigewegnachabsurdistan