Dr. Kalle Kotz

Eines Tages war Kalle Kotz noch spät in der Stadt unterwegs. Er hatte es eilig. Immerhin war es kurz vor Heiligabend. Er brauchte dringend noch ein Geschenk für seine Frau. Ohrringe wollte sie haben. Doch der Juwelier hatte schon dicht. Kalle Kotz rannte zum nächsten. Wieder dicht. Noch ein Juwelier: der machte gerade zu und ließ sich nicht erweichen, obwohl Kalle ihm ein schönes Trinkgeld versprach. Dann muss ich wohl den blutigen Weg nach Absurdistan beschreiten, dachte Kalle, und lief einige Meter Richtung Hauptstraße. Lange betrachtete er den fließenden Verkehr. Dann, in einem Moment, wurde ihm klar, dass die Gelegenheit gekommen war. Ein Auto fuhr verglichen mit den anderen geradezu im Schneckentempo. Er trat auf die Straße und wie erwartet konnte das Auto nicht mehr bremsen. Es erfasste Kalle. Im Krankenhaus wachte er wieder auf. Seine Frau saß neben ihm. Kalle war sicher, dass sein Plan aufgegangen war. Doch je wacher er wurde, desto klarer sah er, dass seine Frau nicht etwa sorgend auf ihn blickte. Vielmehr glaubte er das Gesicht eines Racheengels zu erblicken. Unsicher sah er sie an. Plötzlich stand sie auf und ging. Er konnte nichts sagen. Seine Lippen waren trocken und eine fette Röhre steckte in seinem Hals. Hatte es ihn wirklich so schlimm erwischt? Draußen aber sah er, dass seine Frau von einigen Polizisten befragt und schließlich weggeführt wurde. Dann wurde es Nacht.

Als Kalle drei Tage später wieder zu Kräften kam, gab ihm die Schwester einen Brief: „Lieber Kalle“, stand darauf und so öffnete er den Umschlag. „Jedes Jahr ist es das gleiche mit dir. Du bist zu spät dran beim Geschenke besorgen und beschreitest dann den blutigen Weg nach Absurdistan. Das ist doch so nicht richtig. Ich habe mehr von dir erwartet. Ich verlasse dich!“

Kalle Kotz‘ Bestürzung wurde noch größer, als er von der Schwester erfuhr, dass seine Frau im Gefängnis säße. Ob er sich nicht erinnere, dass sie in dem Auto gesessen habe, das ihn erfasst hatte, fragte sie ihn. Das hatte Kalle nicht gewusst. Passanten hätten berichtet, dass sie noch einmal Gas gegeben habe, als er auf die Straße getreten war. Kalle Kotz runzelt die Stirn und atmet tief. Das hatte er seiner Frau gar nicht zugetraut. Aber böse war er ihr nicht. Nur traurig.

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