Die Begegung am Fluss

27. November 2015



Eines Tages war Kalle wieder draußen unterwegs. Er lief am großen Fluss entlang, hörte das Platschen der Wellen am betonbegradigten Flussufer und auch das Rauschen der Bäume. Er fühlte, wie der Wind durch sein dünnes Hemd fuhr. Doch Kalle fror nicht. Er spürte, dass er nur der frühlingshafte Wind der Verheißung war. Ja. Kalle war sicher: Heute würde ein besonderer Tag.

logoAls Kalle einige Zeit gelaufen war, traf er auf zwei Passanten, ein älterer und ein jüngerer Herr, die sich stritten. Kalle wusste nicht, was die beiden so erregt hatte. Aber er stellte sich an die Uferbrüstung aus altem Gusseisen, lehnte sich dagegen und war bereit, Schlimmeres zu verhindern, sollte es dazu kommen. Dass die Politik in der Welt eine Sauerei sei, schrie der eine. Dass TTIP eine noch viel größere Sauerei sei, weil in Wahrheit die Konzerne die Welt beherrschten, meinte der andere. Beide warfen mit Argumenten nur so um sich. Kalle verstand von alledem nicht viel. Er hatte kein Problem mit großen Konzernen. Er hatte kein Problem mit der „Pest“, wie der junge mit dem dünnen Mantel immer wieder schrie. Die Menschheit würde sowieso überleben. Der ältere Herr, er trug einen leicht abgewetzten Parker, schien die Hand zu heben. Es schien, als würde er gleich schlagen. Schon war Kalle in Aktion. Er wollte gleich drauf los. Eine Straftat verhindern! – Seine gute Tat für heute. Warum? Nun. Das wusste Kalle selbst nicht so genau.

Doch als er gerade los wollte, hörte er ein lautes „Cut“. Dann sah Kalle, dass es sich nur um Dreharbeiten gehandelt hatte. Kurz ging er zu dem Regieleiter hinüber. Mal nachfragen. Auf dem Weg dorthin erkannte er den Mann, der für ihn schon den blutigen Weg nach Absurdistan abgedreht hatte. Der kleine zwergenhafte Mann schien nicht gerade erfreut, Kalle zu sehen. Doch Kalle umarmte den Mann. Er drückte ihn an sich, dass jenem fast die Luft wegblieb. „Ist ja gut“, sagte der Regieleiter. „So mäßigen sie sich doch, Herr Kotz!“ Und als Kalle ihn wieder los ließ, und ihn fragte, was er denn da drehe, meinte der untersetzte Mann. „Was schon. Wieder was, das keiner sehen will.“ Kalle lächelte. Nicht weil er überheblich wäre. Nein. Kalle lächelte übers ganze Gesicht, weil er sich wahrlich freute. „Es ehrt mich sehr“, sagte Kalle, „dass sie sich, nach allem was wir durchgemacht haben, einfach treu geblieben sind.“

 

#drkallekotz     #derblutigewegnachabsurdistan



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