Der seltsame Tagtraum

6. Oktober 2015



Erst neulich hatte Kalle Kotz die Pfütze übersprungen. Er war auf eine alte Frau getroffen, die sein Buch („der blutige Weg nach Absurdistan“) fing, als es gerade im Begriff war, in eine große Pfütze zu platschen. Jetzt, da er in der Nähe des Castillo de Gibralfero saß und im allseits bekannten Restaurant „El Pimpi“ bei einem Gläschen Wein und ca. zweiunddreißig Grad die Nachmittagssonne genoss, musste er wieder an sie denken. Sie hatte alte, aber auch verträumte Augen gehabt. Sie hatte gelächelt, als wären all die schadhaften Sporen das Lebens an ihr vorübergezogen, ohne sie zu betreffen, bis auf – freilich – das Alter. Doch dagegen gibt es noch kein Rezept, schmunzelte der Kotz in sich hinein. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Sein Blick fiel auf eine der Hecken an der Seite. Ein kleiner Hund lag dort. Er schlief, schlief seelenruhig. Kein Herrchen weit und breit. Der Kotz stand auf und näherte sich dem Hund.

Der kleine Schnurrer (fast schon eine Katze) regte sich nicht. Der Kotz wollte das Tier streicheln. Zu süß war der braunweißgefleckte kleine Pinscher, der offenbar einer dieser armen Straßenköter war. Doch als er den Hund berührte, schreckte selbiger hoch, erblickte die Hand des Kotz und biss mit großer Kraft hinein. Blutrot unterlaufene Augen, die Augen eines Zombiehundes, starrten dem Kotz furchtlos entgegen. Eine Art gelber Schleim, erkannte der Kotz, floss aus des Hundes Schnauze. Der Kotz sprang, sprang entsetzt zurück, fiel über ein paar unbesetzte Tische – was zu dieser Tageszeit im „El Pimpi“ nebenbei bemerkt ungewöhnlich war – stürzte rückwärtig auf den Boden und schlug mit dem Kopf auf den Boden.

Wieder einmal erwachte der Kotz im Krankenhaus. Um ihn herum sprachen sie eine fremdartige Sprache. Doch Spanisch sprachen sie nicht, war sich der Kotz – obwohl noch ganz benebelt – sicher. Sein Blick war verschwommen, die Augen wie gelähmt. Seine Ohren aber erwachten allmählich. Er hörte etwas wie ein Bellen, zwinkerte, presste die Augen zusammen und versuchte klarer zu stellen, was schließlich gelang. Eine Schwester stand in seinem Zimmer. Den Rücken hatte sie ihm zugewandt. Als sie sich drehte, sah der Kotz ihr Gesicht und erschrak bis ins Mark. Blutunterlaufene Augen blickten ihn aus einem mit langen Haaren bewachsenen Hundegesicht an. Der Kotz sprang auf, riss sich die Infusionen aus dem Leib, lief zum Fenster, starrte hinaus, sagte sich „Scheiß drauf!“ und sprang zwei Stockwerke in die Tiefe. Das Letzte was er hörte, war das Knacken seiner Gelenke. Er hätte es wissen können, dachte er noch. Und ja. Das hätte er. Schon das Überspringen der Pfütze war, vor nicht allzu langer Zeit, nicht gerade geräuschlos abgegangen.

Als Kalle Kotz vom Schrecken zitternd, erwachte, ging er zu seinem Schreibtisch. Er wollte etwas aufschreiben. Aber er fand kein Papier. Wo ist nur das Kopier-Papier?, fragte er sich und begann den furchtbaren Traum zu vergessen. Sein Hund, dieser kleine braungefleckte Hund, den er aus Spanien mitgebracht hatte, lag friedlich in seinem Körbchen und schlief – schlief seelenruhig. Der Kotz wagte nicht, sich zu bewegen.

#drkallekotz #derblutigewegnachabsurdistan



You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

Kommetiere diesen Beitrag: