Der blutige Weg

Der blutige Weg

– Wohin führt eigentlich der blutige Weg? Führt er ins Jenseits? Oder führt er nur aus dem Diesseits fort? Muss der blutige Weg auf saftspritzende Weise verlassen werden, damit man glaubhaft behaupten kann, ihn beschritten zu haben?

– Kluge Fragen, mein gelehriger Schüler. Du hast Recht. Der blutige Weg ist ein Weg, den zu beschreiben es wiederum tausend andere Wege gibt. Eines ist klar. Die anderen Wege führen aber nur zu ihm hin. Wenn der blutige Weg noch nicht unter deinen Füßen mit Leid und Elend nach dir greift, bist Du noch auf einer Nebenstraße. Aber sei dir sicher, sei dir im Klaren, jede Straße die du verlässt führt dich näher an die Hauptstraße heran. Denn das Ziel dieser Straße ist, uns alle einzufangen und wie durch einen Rinderschlauch auf die eine Weide zu treiben, auf der das Gras längst weggefressen ist. Im Matsch werden wir stehen. Im Schlamm werden wir waten. Und es wird uns nicht klar, dass es nicht Erdreich ist, auf das wir treten. Weil wir zu dicht gedrängt stehen, sehen wir nicht, dass es Menschen sind auf die wir, die Kühe, dort treten. Aber ich vergesse mich.

– Was heißt das, dass ich durch jede Straße die ich verlasse der Hauptstraße näher komme?

– Die Hauptstraße, also der blutige Weg (nach Absurdistan), ist wie ein großer Abfluss. Millionen und Milliarden beschreiten ihn bereits. Er saugt uns in Richtung eines gewaltigen Vakuums, und funktioniert dabei wie ein Abspülbecken. Leider ist keiner mehr bereit wirklich abzuspülen. Leider will keiner mehr wissen, wo der Dreck beginnt. Aber ich vergesse mich schon wieder.

– Aber ich kann mich doch auf den Seitenstraßen an der Masse vorbeischlängeln, oder nicht? Der blutige Weg, er muss nicht meiner sein, nicht wahr?

– Leider nein, mein dummer Schüler. Die Seitenstraßen verlaufen alle zur Straße hin und zwar in deren Flussrichtung. Der Sog der Hauptstraße dringt bis in die Seitenstraßen. Du kannst Dich dort nur festhalten. Aber glaube nicht, dass Du eine Seitenstraße verlassen kannst und gegen den Sog angkommen kannst. Dazu müsstest Du schon Herkules sein. Oder ein absolutes Wadenwunder – charakterlich, versteht sich.

– Ein charakterliches Wadenwunder? Wo gibt’s denn sowas?

– Gibt es. Aber ausgesprochen selten. Die meisten werden vom Sog mitgerissen. Viele halten sich gar nicht erst fest. Fast alle wollen sich gar nicht mehr festhalten, wenn sie erst sehen, dass die anderen auch losgelassen haben. Unpopulär ist die Farbe, die der Rassist zur Zielscheibe erklärt. Und unschön ist der Strom, der diese Farbe daher meidet. Aber ich vergesse mich.

– Wenn ich also gar nichts tun kann, dann kann ich auch loslassen und aufgeben, oder nicht? Was bringt es noch sich festzuhalten?

– Hast du noch immer nichts gelernt? Du darfst nicht loslassen. Und wenn es dich mitreißt, dann musst du kämpfen. Du musst gegen den Strom schimmen, damit er sich an dir reibt und langsamer wird. Verstehst du das denn nicht?

– Hm. Vielleicht schon. Aber vielleicht hätte ich trainieren sollen.

– Das hier ist dein Training. Außerdem solltest Du dringend den blutigen Weg nach Absurdistan lesen, von Kalle Kotz. Dann wirst Du noch klarer sehen.

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