Buchvorstellung 2015

Neulich, als Kalle so durch die Stadt lief, sah er dort ein Plakat, auf dem stand, Buchvorstellung 2015. Hm, dachte Kalle. Das wäre was gewesen, wenn mein E-Book bei der Buchvorstellung 2015 dabei gewesen wäre. Wiedermal die Chance verpasst! Zu lang gebraucht, zu viel nachgedacht, zu viel verbessert und jetzt war die Chance dahin. Die Buchvorstellung 2015 würde ohne sein Buch stattfinden.

Kalle ging ein paar Schritte. Er war immer noch in Gedanken. Er musste daran denken, wie das wäre: Buchvorstellung 2015 – wir präsentieren das neue, das perfekte Buch in diesem Jahr: der blutige Weg nach Absurdistan. Er stellte sich vor, wie er die Treppen hochlief, wie die Menschen, es müssen sicher hunderte sein, aufstehen und ihm zujubeln. Lachende Gesichter. Gesichter voller wohlwollen. Einige schüttelten einander (!) die Hände, weil sie es so richtig fanden, dass er, Kalle Kotz, hier geehrt wurde. Kalle war ganz in Gedanken. Er stand am Podium. Hinter ihm, er drehte sich kurz, stand in dicken Lettern auf einem Plakat, Buchvorstellung 2015, und darunter etwas kleiner „Der Sieger – Kalle Kotz“. Er spürte wie zwei Tränen an seinen Wangen hinunterzulaufen begannen. Er fühlte sich – schwerelos. Er bemerkte einen Anflug von Stolz und hatte den Eindruck, er war am Ziel. Alle Last fiel von seinen Schultern. Fürwahr: Er hatte es geschafft. Er erinnerte sich an die vielen Stunden des Schaffens, erinnerte sich an seine Freunde, die ihm immer wieder gesagt hatten, dass er gut schreibe, wenn er seinen eigenen Stil am meisten verachtete.

Auf einmal kommt ein Wind auf. Kalle fröstelt. Er zieht die Jacke zusammen, und blickt auf ein Plakat: Buchvorstellung 2015 steht darauf. War er nicht eben schon ein paar Schritte gegangen? Es war ihm doch längst klar gewesen, dass sein Buch heuer niemandem vorgestellt würde – zumindest nicht auf einer Messe. Eine alte Frau läuft vorbei. Sie sieht das Plakat, sieht Kalle an, reicht ihm ein Taschentuch und sagt: „Ist nicht schlimm, Jungchen. Wahres Genie ruht im Herzen, nicht in einer Feder.“ Und Kalle heult los, macht einen Schritt, drückt die Alte Frau an sich, sagt leise „Danke!“ und die Alte drückt sich von ihm weg. Als sie das erreicht hat, eilt sie auf schnellen Sohlen davon und wirkt dabei sehr jung.

Kalle steht wieder auf der Bühne. Die Menschen sehen ihn betroffen an. Schweigen – kein Applaus. Dort ist nur Traurigkeit, weil wieder einer durchdreht. Endlich kommen die Ordner und bringen Kalle weg.

#drkallekotz #derblutigewegnachabsurdistan