About Kotz

Kalle Kotz – wie er begann und warum er landete

 

logo

Kalle Kotz tritt auf die Straße. Einen Regenschirm hat er in der Hand, denn es schüttet in Strömen. Der Tag ist trüb; er wird trüb bleiben. Der junge Mann mit den strahlend blauen Augen blickt sich um, schaut erst links, dann rechts und atmet durch. Die Düsterkeit seiner Kammer war schlimmer gewesen. Die Nacht hatte er allein verbracht – wie immer; denn der Mann mittleren Alters, dessen Gesicht seine Jugendlichkeit noch nicht verloren hat, ist schüchtern – weiß Gott aber kein hässlicher Gnom; nur eben sehr unbeholfen, wenn er die Diskothek betritt. Wie viel Blickkontakt ist erlaubt? Wann muss ich sprechen? Wann etwas sagen? Bloß nichts Falsches! Körper aufrecht! – unnatürlich! Stets geht der Kotz nämlich ein wenig gebückt. Nicht, dass er nicht aufrechter könnte. Doch „es ist nicht gut, die Nase zu weit oben zu tragen“, hatte ihm einer gesagt, auf dessen Urteil er vertraute.

 

Der Mann, im hippen Hipster-Look, hat sich vor kurzem einen Bart wachsen lassen. Viele sahen ihn nun mit anderen Augen. Aber war das besser? Anders sahen sie an, als damals noch, wenn er stundenlang in der Bibliothek gesessen hatte, um über Büchern und Papier zu studieren. Doch der Kotz hatte sich ein Ziel gesetzt. Er wollte alles analysieren. Er wollte die Welt verstehen. Dabei verstand er, wie er manchmal einräumte, nicht mal sich selbst.

 

Als Kalle Kotz vierzehn Jahre alt war, hatte er seine ersten Gedichte geschrieben. Anfangs noch recht unbeholfen, waren sie gewachsen, wie ein Pflänzchen, dem man zu trinken gibt. Als er achtzehn Jahre alt war, gab seine Festplatte den Geist auf und er verlor eine Sammlung von über sechshundert Gedichten. Noch am gleichen Tag gab er das Schreiben auf. Zu frustrierend war die nur mehr brüchige Erinnerung an all die verlorenen Gedanken. Irgendwo auf einer kenianischen Mülldeponie würden sie sicher gelandet sein. Der Kotz verlor sich, verlor sich im Recht und dem, was es auszusagen vermag. Lange hatte er es studiert und lange hatte er gelernt. Erst zehn Jahre später hatte ihn die Muse wieder geküsst. Nicht zuletzt hatte ihn sein steter Begleiter, Herr Niemand, in einer finsteren Minute dazu angestachelt, doch etwas zu schreiben. Der Kotz hatte überlegt. Was hatte er mit sich gehadert. Schließlich aber warf er die Zweifel über Bord. Nach langer, harter Arbeit bemerkte er gegen Ende, dass er zufrieden sein durfte. Kein bloßes Wortgedöns, kein müder Schwall. Er wollte es der Welt zeigen, wohl wissend, dass sie darauf nicht vorbereitet sei. Er wollte ihr vermitteln, dass sie ein wunderbarer Ort war. Ein Fleck zwar nur im weiten All – dennoch aber mit Potential. Dann fand er den Polyphem. Er fand ihn in sich und bekämpft ihn seither – und wie es scheint, mit wachsendem Erfolg. Er wollte, nein, er durfte nicht länger der sein, der als der von Odysseus geblendete Zyklop in die Geschichte einging. Er hatte mehr zu bieten, glaubte er, als von einem hohen Felsvorsprung aus Steine auf das Meer zu werfen, denn „das kann jeder!“, hatte Herr Niemand ihm gesagt.

 

Kalle Kotz geht einen Schritt. Ein herannahendes Auto wird ihn im nächsten Augenblick bespritzen. Zu spät! Zu nah ist der Wagen und zu kurz die Zeit, die bleibt, um noch zu reagieren. Doch der Autofahrer sieht ihn, sieht die Pfütze und umkurvt sie im letzten Moment. Kalle Kotz ist erleichtert. Er weiß, der Autofahrer, der seine Dankbarkeit vielleicht gar nicht bemerkt hat, hatte andere Optionen. „Es gibt noch Hoffnung“, murmelt der mit einem Mal sehr altklug wirkende Kotz. Und der Kotz springt über die Pfütze. Jung wirkt sein Sprung, alt aber knacken die Glieder, als er hinter der Pfütze landet. Sein Buch, das er stets mit sich trägt, rutscht unter seinem Arm und fällt, fällt in Richtung der von dicken Tropfen aufgewühlten Lache. Doch eine alte Frau, die er bisher gar nicht bemerkt hatte, fängt es, mit einem übertriebenen Reflex. Sie lächelt verschmitzt, als sie das Cover betrachtet: „Der blutige Weg nach Absurdistan?“, fragt sie. „Wo liegt denn das?“ „Beinahe wäre es in der Pfütze gelegen“, erwidert Kalle und lächelt ebenfalls. Dankend nimmt er das Buch entgegen, betrachtet einen Augenblick den fließenden Verkehr, dreht sich wieder zu dem Weib – doch die alte Frau ist weg. „Manche Dinge sollen wohl so sein“, murmelt der Kotz kopfschüttelnd in sich hinein und verschwindet zwischen den Häusern auf der anderen Straßenseite, begleitet von der Gewissheit, seine Bestimmung gefunden zu haben.

#startseite   #drkallekotz    #derblutigewegnachabsurdistan